
Er kann Klamauk, Klavier und noch ein Dutzend Instrumente mehr: Helge Schneider lebt seit Jahrzehnten nach eigenen Noten.
Bei seinem ersten Auftritt war Helge Schneider sieben Jahre alt. Er sollte beim „Tag der Hausmusik“ in Essen Klavier spielen. Doch vorgeschriebene Noten waren noch nie sein Ding: Beim Mozart-Stück vor 600 Leuten verspielte er sich, hämmerte dann mit den Ellbogen auf das Klavier ein, beleidigte das Publikum frustriert als „Doofmänner“ und stürmte von der Bühne.
Trotz dieses Fiaskos sollte Helge Schneider den Großteil seines Lebens auf der Bühne verbringen. Bevor er allerdings mit seiner Idee von Musik – Jazz, Improvisation und Blödelei – Geld machen konnte, mussten erst noch einige Regeln gebrochen und Brücken zu vorgeschriebenen Wegen gesprengt werden. Am schlimmsten war es in der Pubertät. Die Schulpflicht und sein Freiheitsdrang passten nicht zusammen – er schwänzte regelmäßig und blieb sitzen. Sein Interesse an Drogen half auch nicht, mit 17 flog er schließlich von der Schule. Auch seine Eltern, ein Handwerker und eine Beamtin, hatten mit dem Teenager zu kämpfen: „Ich habe mich unmöglich aufgeführt“, gab er in einem Interview 2003 laut „rp-online“ zu.
Die ultimative Freiheit: Jazz
Es folgte eine Lehre als Bauzeichner, die Schneider abbrach, ein Klavierstudium, das er wieder abbrach und eine Lehre zum Landschaftsgärtner, bei der nicht ganz klar ist, ob er sie nicht auch abgebrochen hat. Auch egal, war eh alles nur Hintergrundrauschen für das, um was es immer ging: die Musik. „Eigentlich kann ich nur Klavier spielen und Quatsch machen“, ist so ein typischer Satz von Schneider. Stimmt allerdings nicht ganz: Ein Dutzend Instrumente soll der Musikvirtuose auch noch spielen können. Nur konsequent zog es den freiheitsliebenden Multiinstrumentalisten natürlich zu dem Genre, das die ultimative Freiheit verspricht: Jazz.
Nach einigen Jahren mit seinem Jazz-Trio erschien 1991 sein Debütalbum „Seine größten Erfolge“. Die ersten Kritiken dazu schrieb er selbst, tourte unermüdlich und brachte damit den Stein ins Rollen. Auch weil er musste. Nachdem 1992 sein erstes Kind geboren war, musste er seine Karriere auch aus Existenzangst heraus anschieben. Dem „WDR“ sagte er in einer Doku zu seinem 50. Geburtstag: „Ich wusste, dass ich ein guter Musiker bin und dass ich die Leute zum Lachen bringen kann. Das war die einzige Aktie, die ich hatte.“ Der Plan ging auf. Schneider vermarktete sich als „singende Herrentorte“ und zog mit Quatsch und Jazz immer mehr Aufmerksamkeit auf sich – ganz ohne Regeln und mit der Improvisation als seine Superkraft.
„Katzeklo“ und das große Missverständnis
1993 war Helge Schneider da angekommen, wo er hinwollte: Sein fünftes Album „Es gibt Reis, Baby“, diesmal mit seiner Band Hardcore, machte ihn deutschlandweit bekannt. Er saß bei Harald Schmidt (68) in der Talkshow, brachte mit „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ seinen ersten Cowboy-Film heraus und stellte seinen Hit „Katzeklo“ bei „Wetten, dass..?“ einem Millionenpublikum vor. Der Hype um seine Person war auf dem Höhepunkt. Das führte auch zu Missverständnissen. In der Folge kamen Menschen zu seinen Auftritten, die erwarteten, dass Schneider eine Art Clown-Performance mit seichten Melodien zum Mitklatschen abliefert. Stattdessen bekamen sie schon mal zwei Stunden Jazz-Musik mit nur gelegentlichen Blödel-Einlagen auf die Ohren.
Mittlerweile weiß das Publikum, was es bei Schneider zu erwarten hat. Seine Konzerte sind eher Live-Bandprobe, seine Songs entstehen mit dem Publikum, er selbst bezeichnet sich als Bindeglied zwischen Quatsch und Jazz. Zudem kann man sich an einem Gesamtkunstwerk erfreuen, das über bloße Liveperformance weit hinausgeht: 15 Alben, sechs eigene Filme, Gastauftritte in Filmen wie „Die Känguru-Chroniken“ oder „7 Zwerge“, die Hauptrolle in „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (mit dem fertigen Film war er allerdings nicht glücklich), mehrere Bücher, unter anderem die Kommissar-Schneider-Romane, ein Musical, eine Theaterproduktion und, weniger öffentlich, das Zeichnen beschäftigen den Künstler.
„Der Klimperclown“: 70 Jahre Schneider
Trotz seines enormen Outputs ist sein Privatleben ein Geheimnis. Es ist nicht mal geklärt, ob Schneider wirklich sechs Kinder hat, auf seiner Website ist noch immer von fünf die Rede, aber die wurde auch schon länger nicht aktualisiert. Sicher ist allerdings, dass sein jüngster Sohn Charly (geboren 2010) ihn mittlerweile schon auf der Bühne am Schlagzeug begleitete.
„Der Klimperclown“ ist sein neuestes Werk: Eine Mischung aus Mockumentary und Dokumentarfilm, die 70 Jahre Helge Schneider zusammenfasst. Regie, Drehbuch, Musik und Schnitt stammen natürlich von ihm. Entsprechend ist es ein Fiebertraum aus Klamauk, Dadaismus und tatsächlichen Einblicken in das Leben von Schneider, nach dessen Abspann man nur den Künstler selbst zitieren kann: „Da kommt die Vernunft zurück. Wenn die wüsste.“